Berliner Morgenpost
"Kann das gut gehen? Ist nicht jede Inszenierung, die sich auf Stil und Methode eines der Regie-Heiligen des internationalen Theaters beruft, pure Anmaßung und zum Epigonentum gezwungen? Hier wird gleich im Doppelschlag das Gegenteil bewiesen. Mit diesem Projekt im bat-Studiotheater [...] haben die Festwochen ihren theatralischen Höhepunkt. Endlich. [...] Zu Beginn gibt es von Thomas Ostermeier inszeniert, eine Inkunabel des Symbolismus, das 1906 entstandene Drama "Die Unbekannte" des Lyrikers Aleksandr Blok. [...] Raum, Licht und Bewegung sind zu fesselnder Einheit verdichtet. Man staunt und reibt sich abwechselnd Auge und Ohren. Hier werden Lebensgefühle anschaulich. Seelentöne sind angeschlagen. – Nach der Pause sehen wir "Eine gewisse Anzahl Gespräche oder Das völlig umgearbeitete Stundenbuch", ein Stück von Aleksandr Vvedenskij. [...] Die Situation ist verrückt. Ein Irrenhaus? Drei Männer sind die Hauptfiguren. Sie steigen auf den Schrank. Sie jumpen todesmutig aufs Sofa. Sie miauen, während sie ihre Mützen wie Katzen liebkosen. Einer geriert sich mit dem Geigenkasten, als lauerte der verrückteste Krimi im Spind. Immer wieder Momente der gegenseitigen Bedrängnis, schließlich dreifacher Tod, zelebriert als zirzensische Attraktion. Hier inszeniert Christian von Treskow. Für ihn ist das groteske Stück Anlaß zu immer neuen Slapsticks und wunderlichen Aktionen. Die Spieler stehen unentwegt unter Strom. Sie spielen den Raum hinauf und hinunter und in die Quere. Er wandelt sich in ein Damen-Schwimmbad, in das sich ein paar Männer kraulend verirrt haben. Selbst wenn der Abend lang wird: Das Publikum lacht unentwegt. Es wird nicht müde. Das komödiantische Potential, das hier zündet, ist erstaunlich. Die Spieler haben Knochen aus Gummi. [...] Die Bühnen, die diese jungen Darsteller einmal beschäftigen, können sich die Finger lecken.";;;"0

Peter Hans Göpfert