Der Tagesspiegel
" [...] Realität des Traumes, Konzentration auf das Banale, Feier des Skurrilen – die russischen Avantgardisten der zwanziger und dreißiger Jahre, die unter dem Namen OBERIU die westeuropäische Literatur des Absurden antizipierten, verkündeten in ihrem Manifest: "Wenn Sie zu uns kommen, vergessen Sie alles, was Sie in anderen Theatern zu sehen gewohnt waren." Der Abend im bat-Studiotheater hält dieses Versprechen. [...] In Zusammenarbeit mit Gennadi Bogdanov, einem Moskauer Spezialisten für Meyerholds Technik der "Biomechanik", ließen sich die Regisseure von jenem Verfahren inspirieren, das in seiner gestischen Organisiertheit der naturalistischen Einfühlungsstrategie Stanislawskis entgegensteht. [...] Auf diesem Biomechanik-Trip ist den Regisseuren und Schauspielern etwas geglückt, was vergleichbare Produktionen nicht nur im Rahmen des Moskau-Berlin-Festivals schmerzlich vermissen lassen: im beglückend forschen Umgang mit Theorie und Bewegungstechnik geraten ihre Inszenierungen nicht zu Meyerhold-Sklaven, sondern emanzipieren sich durch die zusätzliche Dimension aus der verstaubten Avantgarde der Zwanziger zu einer "Avantgarde der Neunziger";" das biomechanische Geheimnis bringt eine verblüffende Leichtigkeit ins Bühnengeschehen. Die Verweigerung des schmerzfreien Revivals bewirkt nicht nur eine geradezu mitreißende Spielfreude, sondern auch eine wohltuende Korrespondenz der bestechend professionellen Darsteller mit ihren Rollen: exakt pointierte Bewegungen, unverbrauchter Witz, satirische Selbstreflexion – erfrischendes "Theater des Absurden".""

Christine Wahl