Der Tagesspiegel
"[...] Als Oskar Panizza vor hundert Jahren seine phantastischen Erzählungen schrieb, kann er den Begriff "klonen" noch gar nicht gekannt haben, und dennoch: das Phänomen des künstlich geschaffenen Lebewesens hat er in seiner "Menschenfabrik" bereits visionär vorweggenommen. [...] Die szenische Bearbeitung, die der Regisseur Christian von Treskow und sein junges Team in der DT-Baracke zeigen, versucht nicht, Panizzas Geschichte in Theaterbildern nachzuerzählen. Sie verwandelt sie vielmehr in eine ballettöse Performance, die, aus dem Abstand des Jahrhunderts, das vom Dichter beschworene Menetekel an die Wand wirft, genauer: auf die Bretter. Der erschrockene Besucher der Menschenfabrik ist hier aufgesplittert in vier Personen, die in uniformer Kleidung an vier Nähmaschinen sitzen und den Text mit uniformer Gestik der Reihe nach vortragen. Daß die Darsteller ihre Aufgabe nicht mit der Präzision eines Uhrwerks exekutieren, sondern noch Reste von Individualität erkennen lassen, dürfte beabsichtigt sein. Sie verkörpern noch nicht den perfekt geklonten Menschen, doch vermitteln sie bereits eine Ahnung davon. [...] Am Ende, nach heftigem Hinundhergeschiebe der Nähmaschinen, sitzt man wieder brav an den Tretmühlen, und im Hintergrund führt ein Mann seine Hund spazieren – ein echter Mensch, ein echtes Tier. Und dafür gibt’s naturgemäß auch echten Beifall.";;;"0

Günther Grack