Erlangen

Musiktheater von Alexander Kukelka
nach einem Schauspiel von Alfred Kantorowicz

Alfred Kantorowicz, 1935

Herbst 1923. Mitten im Chaos der Anfangsphase der Weimarer Republik und am Vorabend des Hitlerputsches kommt der deutsch-jüdische Jura-Student und Weltkriegsteilnehmer Ernst Horkheimer aus München in die kleine Universitätsstadt Erlangen, um sein Studium zügig zuende zu bringen. Was er nicht weiß, ist, daß die politische Situation in dem provinziellen Studierstädtchen zu eben dieser Zeit alles andere als beschaulich ist: einer mehrheitlich sozialdemokratisch gesinnten Bevölkerung steht eine republikfeindliche Allianz aus Garnison, exekutiver Elite und völkischer Studentenschaft gegenüber. Es kommt in gewaltsamen Zusammenstößen bis zur Schießerei. Ernst findet zunächst schnell Anschluß: er begegnet den intellektuell gleichgesinnten Studenten Koerber und Eva – man träumt von einer ganz und gar anderen deutschen Republik. Ein hoffnungsloser Traum. Als sich die Konfrontation mit reaktionären Kräften zuspitzt, erlebt Ernst zum ersten Mal den krassen Antisemitismus seiner nationalistischen Kommilitonen am eigenen Leib. In einer Auseinandersetzung mit Corpsstudenten in einem Weinlokal entlädt sich sein aufgestauter Haß gegen seine Peiniger: er erschlägt mit einer Flasche einen Studenten, der mit einer Pistole auf ihn anlegt. Er gesteht die Tat, da er annimmt, in Notwehr gehandelt zu haben, wird jedoch in einem vollkommen verdrehten Prozeß ohne Rechtsbeistand zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Selbst seine Freunde können ihm nicht helfen – das "gute" Deutschland, von dem sie träumen, existiert nicht. Es ist eine bedeutungslos kleine Minderheit.
Der Außenseiter Ernst Horkheimer ist unschwer zu erkennen als das dramatische alter ego des Schriftstellers, engagierten Journalisten, Publizisten, Kommunisten, Spanienkämpfers, Exilanten und späteren Hochschullehrers Alfred Kantorowicz, der in seinem Stück "Erlangen" autobiographische und historische Details zu einer aufwühlenden Dokufiktion vermischt. Vor allem seine Isolation und Machtlosigkeit muß den Gerechtigkeits- fanatiker aufs Äußerste gegen die erstarkende völkische Bewegung aufgebracht haben. Vielfache Isolation als Patriot unter Nationalisten, Frontkämpfer unter Zivilisten, Jude unter nicht-Juden, als Schreibender unter Illiteraten, als Kommunist unter Bourgeois und Bourgeois unter Kommunisten, die Wahrheit wissend und mit Füßen getreten sehend, machtlos mit ansehen müssend, wie das humanistische Deutschland unter dem Stiefeltritt brauner Horden und naßforscher Kommilitonen ins Abseits gefegt wird.
Zu einer Aufführung des Stückes kam es vor 1933 aus naheliegenden Gründen nicht mehr. Nur durch Zufall stieß die Dramaturgie des Theaters Erlangen auf den nach dem Krieg in Vergessenheit geratenen Text. Auf Nachfrage erteilte die in Hamburg lebende Witwe des Autors, Ingrid Kantorowicz, der Bühne die Aufführungsrechte – verbunden allerdings mit der Auflage einer aktualisierenden Bearbeitung. Deshalb erging an den Wiener Komponisten Alexander Kukelka der Auftrag, dem äußerst umfassenden, ganz im journalistisch-dokumentarischen Stil gehaltenen Stoff eine konzise musiktheatralische Form zu geben. Kukelka, der sich mit seiner Arbeit im Grenzbereich von Schauspiel und Musiktheater bereits einen Namen gemacht hat, wurde dabei von dem Autor Marc Pommere- ning unterstützt, der ihm dazu das Libretto lieferte. Die Bearbeitung zeichnet sich durch Knappheit und Gestik des sprachlichen Materials, dessen musikalische Umsetzung in ihrem Assoziationsreichtum den Stoff aktualisieren hilft, und eine Veränderung in der Fabelführung aus: Der sog. "Hitlerputsch" und dessen Scheitern geraten ins Zentrum der dramaturgischen Verwicklungen. Dieser erste politische Wendepunkt der jungen deutschen Republik bildet den Hintergrund für "Erlangen" in Erlangen: die scheinbare Stabilisierung der politischen Verhältnisse bedingt die Notwendigkeit der bislang staatsfeindlichen Kräfte, sich unvermittelt und bruchlos zur Demokratie zu bekennen. Dadurch werden Parallelen zur Staatsgründung der Bundesrepublik Deutschland und zu Strategien der neuen deutschen Rechtsparteien im Jahre 2005 augen- und ohrenfällig.

Die musikalische Leitung hat der Komponist. Im Graben sitzt das u.a. durch die Erlanger "StummfilmMusikTage" bekannte "Ensemble Kontraste". Das Bühnenbild gestaltet Jürgen Lier, die Kostüme Dorien Thomsen. Es spielt das durch Gäste verstärkte Ensemble des Theaters Erlangen.

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