Märkische Allgemeine
"[...] Der Körper ist eine Maschine, der Arbeitende ist der Maschinist", hatte Wsewolod Meyerhold in seinen biomechanischen Theater-Prinzipien erklärt. Der Schauspieler, so Meyerhold, sei Produzent und Material der eigenen Produktion. [...] Wo Bewegungen Gefühle nicht nachempfinden, sondern erst hervorbringen sollen, wurde in seinem (schließlich unter Stalin geschlossenen) Theater exaltiert geturnt und getanzt. – Die Studenten der Ernst-Busch-Hochschule versuchen jetzt, mit Hilfe Meyerholds fast vergessener Prinzipien zwei russischen Avantgardisten des Symbolismus und Frühabsurden zu Leibe zu rücken. Aleksandr Bloks „Unbekannte“ und Aleksandr Vvedenskijs „Gewisse Anzahl Gespräche“ werden von den Nachwuchs-Regisseuren Thomas Ostermeier und Christian von Treskow mit einem tatendurstigen Ensemble an nur einem Abend durch den grotesken Fleischwolf gedreht. Etwas über den Inhalt der Stücke zu sagen, wäre reine Zeitverschwendung. Denn skurrile Gesprächsfetzen wirbeln munter durcheinander, finstere Alpträume, schwarze Damen und blaue Herren geben sich ein Stelldichein. [...] Später wird es gleichmäßig hell, und aus der muffig-miesen Absteige ein Raum für alle Gelegenheiten. Drei Männer sind darin eingesperrt, sie reden übers Kartenspiel und versuchen, mit Strick und Pistole ihrem nichtsnutzigen Leben ein Ende zu bereiten. Zwischendurch schwimmen zwei Kaufleute über die Bühne oder strecken einige dickleibige Damen ihre Zehen ins heiße Wasser. Warum sollte das nicht gehen, auch ohne Wasser? – Die jungen Darsteller geben alles, lassen ihre Körper zur Meyerhold-Maschine mutieren und schwadronieren sich die Seele aus dem Leib. [...] Bei soviel Spiellaune bekommt manchmal sogar der vor satirischem Nihilismus strotzende Text eine gewissen Sinn.";;;"0

 Frank Dietschreit