Theater der Zeit
"Zur Uraufführung im Markgrafentheater wurden (Kantorowicz’ wortreiche Episoden) zur Basis für ein durchkomponiertes Schauspieler-Musiktheater des Wiener Komponisten Alexander Kukelka [...] Der jüdische Student Ernst Horkheimer erlebt 1923 vor und nach Hitlers Münchner Putschversuch, wie die durch Inflation, Entbehrungen und Kriegsenttäuschungen zerriebene Bevölkerung sich mehr und mehr der nationalsozialistischen Ideologie öffnet. [...] Die Folgerichtigkeit der ideologischen Kehrtwende macht Regisseur Christian von Treskow erkennbar, indem er die Darsteller zu einer distanzierten Spielhaltung durch die ganze Nummernfolge anhält. Besonders deutlich wird Treskows funktionalisierendes Verfahren in der kantig-bewegungsreichen Choreographie der drei Verbindungsstudenten [...] Die Spieler treten aus den erhöhten Reihen eines Hörsaals ins Geschehen und wieder zurück in die Position der beobachtenden Masse, die sich aus der "Steckrübensuppe der Demokratie" nach Arbeit und Brot sehnt. Die Bühne von Jürgen Lier dünstet spätwilhelminischen Amtsmief aus. Die szenisch prägnante Komposition setzt mit angeschrägten Gassenhauern und schlagkräftigen Ensemblewirkungen im Bänkelton Erinnerungen an "Mahagonny" und "Cabaret" frei. Nur verschlingert sich hier der Protagonist tiefer in die sozialen Prozesse als die passiven Antihelden Brechts und Isherwoods. Das Ende des Dramas ist in dieser Spielfassung doppelsinnig: Die zwölf Jahre Kerkerhaft für den "undeutschen" Horkheimer meinen im Epilog genauso die Gefangenschaft des Kollektivs in den Jahren des Nationalsozialismus: "Stabil ist die Mark, und gefüllt sind die Läden." – Unmenschlichkeit ist der Preis für den mehr als bescheidenen Wohlstand.";;;"0

Roman Fryscheisen