Theater heute
"[...] Textlich und inhaltlich verknappt entsteht ein Singspiel mit politischen Untertönen, bei dem Reime, Sprechgesang und durchaus eingängige Melodien von einer dünnen Geschichte ablenken. [...] Gleichwohl erweist sich diese Form als als enges Korsett, nicht nur, weil die Schauspieler zunächst bemüht sein müssen, den richtigen Ton zu treffen. Das hat noch Charme und Reiz, läßt die Aufführung nie ins Künstliche abheben: Hier singt das Volk, ob links, ob rechts.  Aber Christian von Treskow findet in seiner Inszenierung zwischen all den Versen und Versammlungen keinen eigenen Weg mehr. Da gilt nur noch das gesungene Wort, und das läßt keinen Raum für choreografische Ideen, für einen rhythmischen Umgang mit der Sprache, für Figuren-Bilder, die der Regisseur bisher in seinen Arbeiten zu arrangieren wußte. [...] Furcht und Elend am Vorabend des dritten Reiches halten sich zwischen den getäfelten Wänden melodisch die Waage. In diesem Wartesaal der deutschen Geschichte geht man nach gesungenen Zweifeln ab oder verzweifelt einsam auf der Büßerbank, rottet sich zur tänzerischen Schlägerei zusammen oder erhebt im Korps-Geist gröhlend die Biergläser, trampelt auf der deutschen Fahne rum oder spreizt beim Kaffeekränzchen pikiert über "die Ostjuden" den Finger. [...] Deutschland, das sei eine Minderheit, schrieb Alfred Kantorowicz in seinem sperrigen Stück über die bedrückende Atmosphäre; die Erlanger haben daraus ein eher mehrheitsfähiges Volksvergnügen gemacht.";;;"0

Bernd Noack