Westfälischer Anzeiger
"Wie Spieluhrfiguren bewegt sich die Gesellschaft, die Verlobung feiert zwischen Silvio und Clarice. Alle in weiß. Das Kleid der Braut wippt durch eingezogene Reife, Silvios Vater, der Dottore Lombardi, lispelt und flucht "Fuck". In diese träge Choreografie des Einverständnisses bricht ein spilleriger Schlacks mit Dreiviertelhosen und Schirmmütze, ein großes Kind voll überschüssiger Energie, das es kaum drei Sekunden an einer Stelle aushält. Truffaldino, der "Diener zweier Herren" aus Carlo Goldonis Komödie. [...] Der Regisseur von Treskow versucht gar nicht erst, dieser dramatischen Feinmechanik einen Anstrich von Realismus zu geben. Er setzt auf Unterhaltungswerte und Stilisierung. [...] Thomas Braus ist als Truffaldino das Bühnenpendant zum Hollywood-Komiker Jim Carrey. Wie er die Zofe Smeraldina anmacht, ohne Umschweife vom ersten Augenblick an, den er auf sie warf, wie er sie umschmeichelt und bekniet und mit der Hand sein gegen alle anatomischen Gesetze meterweit aus der Brust pochendes verliebtes Herz markiert, das zitiert die Effekte des Real-Cartoons "Die Maske". Und weil Braus das mit umwerfendem Schwung auf die Bühne bringt, funktioniert die Inszenierung über weite Strecken sehr gut. Es ist sehr komisch. – Hätte von Treskow sich von einigen Szenen trennen können und den Goldoni nicht auf stattliche zwei dreiviertel Stunden gestreckt, dann hätte dies sogar ein Knaller werden können. Wenn sich am Ende Beatrice und Florindo finden, dann dehnen sich Verzweiflung wie Liebesglück schier endlos. Nur zu Lachen gibt es dabei nichts. So siegt Stilwille über Spieltauglichkeit. Dem Premierenpublikum war es lustig genug, es spendete lange Ovationen.";;;"0

Ralf Stiftel